Friedrich Merz wollte Deutschland reparieren. Dann wurde er Bundeskanzler.

Am Ziel: Friedrich Merz am 6. Mai 2025 auf dem Platz des Bundeskanzlers im Deutschen Bundestag. Aus den Versprechen der Opposition war Regierungsverantwortung geworden. Nun musste er beweisen, dass seine Rezepte für Deutschland auch außerhalb des Wahlkampfs funktionieren.


2023 erklärte Friedrich Merz ziemlich präzise, was in Deutschland falsch läuft: zu viel Bürokratie, zu hohe Energiepreise, zu viele staatliche Belastungen. Zwei Jahre später bekam er die Gelegenheit, es besser zu machen. Vieles von dem, was damals falsch war, ist noch immer da. Und manches, was später im Koalitionsvertrag versprochen wurde, wurde bereits auf dem Weg zur Umsetzung kleiner. Die Geschichte eines Regierungswechsels, der größer klang, als er bislang geworden ist.

Es war der 27. August 2023, als Friedrich Merz im ARD-Sommerinterview eine Diagnose stellte, die heute beinahe prophetisch klingt. Die damalige Bundesregierung produziere zu viel Bürokratie, zu viele Verbote, zu viele staatliche Vorgaben. Der CDU-Chef sprach von einem „wahnsinnigen Bürokratiewust“, der gestoppt und, wenn möglich, zurückgedrängt werden müsse. Die Energiepreise müssten sinken, vor allem jene Bestandteile, die der Staat über Steuern und Abgaben selbst beeinflussen könne. Es ergebe wenig Sinn, Energie auf der einen Seite zu subventionieren und auf der anderen hoch zu besteuern.

Merz warnte damals sogar davor, mit der Wirtschafts-, Energie- und Klimapolitik der Ampel die deutsche Volkswirtschaft „gegen die Wand“ zu fahren. Das war zugespitzt, aber die Stoßrichtung war klar: Deutschland hatte kein Erkenntnisproblem. Deutschland hatte nach Lesart des Oppositionsführers ein Regierungsproblem.

Knapp zwei Jahre später war dieses Problem zumindest personell gelöst. Friedrich Merz zog ins Kanzleramt ein.

Seitdem lässt sich beobachten, was aus politischen Gewissheiten wird, wenn derjenige, der sie formuliert hat, plötzlich selbst dafür sorgen muss, dass sie Wirklichkeit werden.

Ein Versprechen namens Stromsteuer

Besonders schön lässt sich das an den Energiepreisen studieren. Die Forderung aus Oppositionszeiten überlebte nicht nur den Wahlkampf, sondern schaffte es sogar schwarz auf weiß in den Koalitionsvertrag von Union und SPD. Dort steht bemerkenswert eindeutig, Unternehmen und Verbraucher sollten dauerhaft um mindestens fünf Cent je Kilowattstunde entlastet werden. Als „Sofortmaßnahme“ werde man die Stromsteuer „für alle auf das europäische Mindestmaß senken“, außerdem Umlagen und Netzentgelte reduzieren.

„Für alle“ ist eine Formulierung, die wenig Interpretationsspielraum lässt.

Bei der Umsetzung entstand trotzdem welcher.

Die Stromsteuer wurde für das produzierende Gewerbe sowie die Land- und Forstwirtschaft dauerhaft abgesenkt, für private Haushalte dagegen nicht. Verbraucher wurden stattdessen über andere Maßnahmen bei den Energiekosten entlastet. Merz selbst räumte später ein, dass die versprochene Stromsteuersenkung für Privathaushalte nicht gekommen war.

Man kann dafür gute Gründe finden. Haushalte haben Grenzen, Koalitionen haben Partner, und Wahlversprechen besitzen die unangenehme Eigenschaft, irgendwann finanziert werden zu müssen.

Nur war genau das auch 2023 schon der Fall.

Der bemerkenswerte Teil dieser Geschichte ist deshalb weniger, dass eine Regierung Kompromisse macht. Bemerkenswert ist, wie groß der Abstand zwischen der Klarheit einer Forderung in der Opposition und ihrer plötzlich entdeckten Komplexität im Kanzleramt werden kann.

Der Bürokratiewust ist noch da

Ähnlich verhält es sich mit jenem „wahnsinnigen Bürokratiewust“, den Merz schon 2023 stoppen wollte. Drei Jahre später gehört Bürokratieabbau noch immer zu den großen Reformprojekten der Bundesregierung.

Ende August 2026 sitzt das Kabinett in Neuhardenberg zusammen, und der Kanzler drängt erneut auf Tempo. Steuern, Renten, Deregulierung und Digitalisierung sollen schneller vorankommen. Wachstum und Beschäftigung seien die entscheidenden Themen.

Daran ist nichts falsch. Im Gegenteil.

Es besitzt nur eine gewisse politische Komik, wenn die Lösung für ein Problem, das 2023 dringend gestoppt werden musste, 2026 darin besteht, seine Lösung nun dringend zu beschleunigen.

Auch die Wirtschaft scheint die Geduld zu verlieren. Große deutsche Unternehmen haben die Bundesregierung gerade daran erinnert, die im Koalitionsvertrag vereinbarten Wirtschaftsreformen endlich und ohne weitere Abstriche umzusetzen. Bereits nach den ersten 100 Tagen der schwarz-roten Regierung hatten Wirtschaftsverbände zwar erste Entlastungen anerkannt, zugleich aber schnellere Reformen, niedrigere Kosten und weniger Bürokratie verlangt.

Das klingt erstaunlich vertraut.

Deutschland bleibt ein teures Land für Arbeit

Und dann sind da die Belastungen, die sich nicht in Sonntagsreden, sondern auf Gehaltsabrechnungen bemerkbar machen.

Deutschland ist auch unter Merz kein Niedrigsteuer- und Niedrigabgabenland geworden. Die Finanzierung von Krankenversicherung, Pflege und Rente steht unter wachsendem Druck. Die Regierung diskutiert über Reformen, während Arbeitnehmer und Arbeitgeber weiterhin hohe Sozialabgaben finanzieren müssen.

Natürlich hat Friedrich Merz diese Entwicklung nicht verursacht. Die demografische Alterung begann nicht mit seiner Vereidigung, die Probleme der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung wurden über Jahrzehnte aufgebaut, und auch eine Bundesregierung kann sie nicht innerhalb weniger Monate verschwinden lassen.

Nur hatte Merz genau diese strukturelle Überlastung zum Bestandteil seines politischen Gegenentwurfs gemacht. Er wollte nicht Kanzler werden, um zu erklären, warum Deutschlands Probleme schwierig sind. Er wollte Kanzler werden, weil er den Eindruck vermittelte, ziemlich genau zu wissen, wie man sie löst.

Darin liegt die eigentliche Fallhöhe.

Und dann war da noch die Kernkraft

Auch in der Energiepolitik ist aus der früheren Eindeutigkeit inzwischen Pragmatismus geworden. 2023 forderte die Union, stillgelegte Kernkraftwerke wieder ans Netz zu bringen. Die Bundesregierung Merz hat sie nicht wieder eingeschaltet.

Stattdessen setzt sie unter anderem auf neue Gaskraftwerke, niedrigere Netzentgelte und Entlastungen für energieintensive Unternehmen. Merz spricht heute von Technologieoffenheit und davon, künftig nichts mehr abzuschalten, bevor Ersatz vorhanden ist.

Auch das kann vernünftige Politik sein. Technische Realitäten verändern sich, Kraftwerke werden zurückgebaut, Kosten verändern sich, und eine Regierung des Jahres 2026 muss mit der Infrastruktur arbeiten, die tatsächlich vorhanden ist.

Aber auch hier bleibt die gleiche Irritation zurück: Was aus der Opposition wie eine konkrete Alternative wirkte, erweist sich an der Regierung plötzlich als wesentlich komplizierter.

Der Reformer wartet auf seine Reformen

Die vielleicht interessanteste Momentaufnahme liefert deshalb dieser August.

Die deutsche Wirtschaft wächst wieder, aber bescheiden. Für 2027 setzt Merz auf mindestens ein Prozent Wachstum. Gleichzeitig wird die Konjunktur durch erhebliche staatliche Ausgaben gestützt; Finanzminister Lars Klingbeil verweist allein auf 50 Milliarden Euro aus dem 500-Milliarden-Euro-Infrastrukturfonds, die das Wachstum antreiben und eine Rezession verhindern sollen.

Und Friedrich Merz fordert von seiner Regierung: mehr Tempo bei den Reformen.

Fast könnte man vergessen, wer diese Regierung führt.

Das ist keine Geschichte darüber, dass unter Merz überhaupt nichts passiert wäre. Die Regierung hat Entlastungen beschlossen, Investitionen angeschoben und Reformen begonnen. Und nach Jahren struktureller Versäumnisse wäre es albern, von einem Kanzler zu verlangen, Deutschlands sämtliche Standortprobleme in kurzer Zeit zu beseitigen.

Die interessantere Bilanz ist subtiler – und für Merz vielleicht unangenehmer.

2023 konnte er ziemlich präzise beschreiben, woran Deutschland leidet. Hohe Energiekosten. Überbordende Bürokratie. Staatliche Belastungen. Eine Wirtschaft, deren Wettbewerbsfähigkeit er gefährdet sah. Vieles davon wurde später Bestandteil des Regierungsprogramms.

Im Sommer 2026 diskutiert Deutschland noch immer über hohe Energiekosten, Bürokratie, Abgaben und mangelnde Wettbewerbsfähigkeit. Und einige der größten Unternehmen des Landes erinnern den Kanzler inzwischen daran, endlich jene Reformen umzusetzen, mit denen er selbst angetreten ist.

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe der bisherigen Kanzlerschaft von Friedrich Merz.

Er hatte mit seiner Diagnose womöglich gar nicht so unrecht.

Nur sitzt der Mann, der dafür eine andere Regierung wollte, inzwischen selbst im Kanzleramt.

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