Eine halbe Billion neue Schulden. Wo ist eigentlich das ganze Geld geblieben?
Deutschland nimmt Steuern in historischer Größenordnung ein, finanziert Infrastruktur- und Klimaprojekte rund um den Globus – und braucht trotzdem 500 Milliarden Euro zusätzliche Kredite, um Straßen, Brücken, Schienen und Schulen im eigenen Land wieder herzurichten. Ein Blick auf einen Staat, dem es offenbar nicht an Geld, sondern an Prioritäten mangelt.
Deutschland finanziert Bahnstrecken, Stromnetze und Energieprojekte in Indonesien mit Milliardenbeträgen. Gleichzeitig braucht der deutsche Staat eine zusätzliche Kreditermächtigung von 500 Milliarden Euro, um Straßen, Brücken, Schienen, Schulen und Energieinfrastruktur im eigenen Land wieder auf Vordermann zu bringen. Beides lässt sich politisch begründen. Zusammen ergibt es dennoch ein bemerkenswertes Bild deutscher Prioritäten.
Deutschland hilft beim Aufbau einer neuen Regionalbahn im indonesischen Surabaya. 230 Millionen Euro stellt die staatliche KfW dafür im Auftrag der Bundesregierung als Darlehen bereit, weitere sechs Millionen Euro fließen als Zuschuss in technische Unterstützung. Auf zunächst 22 Kilometern sollen Strecke und Bahnhöfe modernisiert, elektrifiziert und mit neuer Signal- und Kommunikationstechnik ausgestattet werden.
Auch bei der Energieversorgung engagiert sich Deutschland kräftig. Ein aktuelles Programm zur Beschleunigung der indonesischen Energiewende umfasst einen deutschen Finanzierungsbeitrag von rund 261 Millionen Euro. Bereits zuvor wurden 300 Millionen Euro Förderkredit für Reformen und Investitionen im Energiesektor zugesagt. Dahinter steht eine noch größere deutsch-indonesische Infrastrukturinitiative: Bis zu 2,5 Milliarden Euro an Darlehen stellte die KfW für Projekte in den Bereichen öffentlicher Verkehr, Wasser, Abwasser und Abfallwirtschaft in Aussicht.
Man sollte die Zahlen korrekt einordnen. Der größte Teil dieser Beträge sind keine Geldgeschenke, sondern Kredite und Förderkredite. Entwicklungsfinanzierung verfolgt außerdem deutsche außen-, wirtschafts- und klimapolitische Interessen. Indonesien ist mit mehr als 280 Millionen Einwohnern eine der großen Wachstumsökonomien Asiens, ein bedeutender Rohstoffproduzent und ein zunehmend wichtiger Handelspartner. Es gibt gute Argumente dafür, dort wirtschaftliche Beziehungen aufzubauen und Infrastrukturentwicklung zu unterstützen.
Das eigentlich Merkwürdige an der Geschichte beginnt deshalb nicht in Indonesien. Es beginnt in Deutschland.
Denn während die Bundesrepublik in anderen Teilen der Welt langfristige Infrastrukturprojekte finanziert, hat sie zu Hause einen Investitionsstau angehäuft, dessen Dimension inzwischen selbst die Bundesregierung nicht mehr bestreitet. Straßen und Brücken müssen saniert, das Schienennetz modernisiert, Schulen renoviert, Stromnetze ausgebaut und staatliche Verwaltung digitalisiert werden. Die Bundesregierung spricht selbst davon, dass die öffentlichen Investitionen angesichts des Bedarfs über Jahre zu gering ausgefallen seien.
Die Antwort darauf ist historisch groß: eine zusätzliche Kreditermächtigung von 500 Milliarden Euro für Infrastruktur und Klimaneutralität. Dafür wurde 2025 sogar das Grundgesetz geändert. 300 Milliarden Euro sind für Investitionen des Bundes vorgesehen, 100 Milliarden für Länder und Kommunen und weitere 100 Milliarden für den Klima- und Transformationsfonds. Die Kredite können über zwölf Jahre aufgenommen werden; ihre Zinsen werden zukünftige Bundeshaushalte belasten.
Eine halbe Billion Euro.
Die politische Debatte konzentriert sich vor allem darauf, wofür dieses Geld ausgegeben werden soll. Mindestens ebenso interessant wäre die Frage, warum es überhaupt notwendig geworden ist.
Wie konnte ein Land mit einer der höchsten staatlichen Einnahmebasen Europas seine Infrastruktur so lange vernachlässigen, dass für deren Modernisierung schließlich eine zusätzliche Kreditermächtigung von einer halben Billion Euro notwendig wurde?
Deutschland leidet schließlich nicht unter einem Staat, der grundsätzlich zu wenig Geld einnimmt. Steuern und Sozialbeiträge bewegen sich seit Jahren auf einem international hohen Niveau. 2025 lagen allein die Steuereinnahmen von Bund, Ländern und Gemeinden erstmals bei mehr als einer Billion Euro. Hinzu kommen die Einnahmen der Sozialversicherungen. Der Staat verfügt damit über enorme finanzielle Mittel.
Trotzdem reicht das Geld offenbar nicht, um mit den laufenden Einnahmen gleichzeitig den Sozialstaat zu finanzieren, Verteidigung und Klimapolitik zu bezahlen und jene Infrastruktur instand zu halten, auf der die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes beruht.
Das ist der eigentliche deutsche Widerspruch.
Während für die eigene Infrastruktur zusätzliche Schulden in historischer Größenordnung aufgenommen werden, bleibt Deutschland gleichzeitig ein bedeutender internationaler Finanzier von Entwicklungs-, Klima- und Infrastrukturprojekten. Jedes einzelne dieser Projekte mag vernünftig begründet sein. Das Problem entsteht in der Summe und in der Reihenfolge der Prioritäten.
Denn irgendwann darf ein Steuerzahler die einfache Frage stellen, warum ein Staat, der ihm eine außergewöhnlich hohe Steuer- und Abgabenlast zumutet, seine Kernaufgaben nicht aus seinen außergewöhnlich hohen laufenden Einnahmen finanzieren kann.
Eine funktionierende Bahn, intakte Brücken, leistungsfähige Stromnetze, digitale Verwaltung und gute Schulen sind schließlich keine luxuriösen Zusatzleistungen eines Staates. Sie gehören zu jener Infrastruktur, mit der er überhaupt begründet, warum Bürger und Unternehmen einen erheblichen Teil ihrer wirtschaftlichen Leistung an ihn abgeben.
Genau deshalb greift die übliche Verteidigung internationaler Ausgaben zu kurz. Natürlich entscheidet Deutschland nicht zwischen einer Bahnstrecke in Indonesien und der Sanierung einer einzelnen deutschen Brücke. Staatshaushalte funktionieren nicht wie eine Haushaltskasse, in der derselbe 100-Euro-Schein entweder nach Jakarta oder nach Duisburg geschickt wird. Förderkredite sind zudem etwas anderes als verlorene Zuschüsse.
Aber Haushalte sind Ausdruck politischer Prioritäten. Und wenn ein Staat über Jahrzehnte ausreichend Geld für eine immer größere Zahl von Aufgaben findet, während gleichzeitig seine grundlegende Infrastruktur verschleißt, ist die Frage nach diesen Prioritäten keineswegs populistisch. Sie ist haushaltspolitisch zwingend.
Besonders unangenehm wird sie, wenn man auf die kommenden Jahre blickt. Deutschland muss nicht nur den bestehenden Investitionsstau beseitigen. Die Bevölkerung altert, die Ausgaben für Rente, Gesundheit und Pflege steigen, die Verteidigung benötigt erheblich mehr Geld, die Energiewende verlangt weitere Investitionen und auf die zusätzlichen Staatsschulden fallen Zinsen an.
Das Statistische Bundesamt lieferte gerade einen Vorgeschmack auf diese Entwicklung. Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die gesamtstaatlichen Ausgaben um 6,1 Prozent, die Einnahmen dagegen lediglich um 2,8 Prozent. Das Finanzierungsdefizit erreichte 71,3 Milliarden Euro, mehr als doppelt so viel wie im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig gingen die Ausrüstungsinvestitionen der Wirtschaft im zweiten Quartal zurück und Deutschland zählte 212.000 Erwerbstätige weniger als ein Jahr zuvor.
Das ist keine Staatspleite. Deutschland kann sich weiterhin zu guten Konditionen finanzieren und besitzt eine enorme wirtschaftliche Substanz. Aber die Richtung ist für Menschen interessant, die nicht in Legislaturperioden, sondern in Jahrzehnten denken.
Denn wenn die Ausgaben dauerhaft schneller wachsen als die Einnahmen, bleiben einem Staat auf lange Sicht nur einige Möglichkeiten: stärkeres Wirtschaftswachstum, niedrigere Ausgaben, höhere Einnahmen oder zusätzliche Schulden. Meist entsteht politisch eine Mischung daraus.
Und „höhere Einnahmen“ bedeutet am Ende höhere oder neue Belastungen für Bürger und Unternehmen.
Damit wird aus einer Diskussion über indonesische Bahnstrecken plötzlich eine Frage des privaten Vermögens.
Wer über Jahrzehnte Kapital aufgebaut hat, sollte sich nicht nur dafür interessieren, welche Steuern heute gelten. Entscheidend ist auch, welchen Finanzierungsbedarf der Staat morgen haben wird. Ein alternder Sozialstaat, ein gewaltiger Investitionsbedarf und steigende Zins- und Verteidigungsausgaben bilden keinen besonders beruhigenden Hintergrund für die Erwartung, Vermögende würden in Zukunft eher weniger zur Finanzierung des Staates herangezogen.
Gerade deshalb ist internationale Vermögensdiversifikation keine Wette auf einen deutschen Zusammenbruch. Sie ist das Gegenteil einer Wette.
Wer Immobilien, Unternehmen, Bankguthaben und Kapitalanlagen nahezu vollständig in Deutschland hält, macht seine wirtschaftliche Zukunft von einem einzigen Steuer-, Rechts- und Wirtschaftsraum abhängig. Er vertraut darauf, dass Deutschland seine strukturellen Probleme löst, ohne die Belastung von Kapital und Vermögen erheblich zu erhöhen.
Das kann funktionieren. Nur gibt es keinen vernünftigen Grund, warum ein Vermögensinhaber dazu gezwungen sein sollte, ausschließlich darauf zu setzen.
Die Vereinigten Arabischen Emirate sind deshalb als zweiter Standort interessant. Nicht als Versteck für Vermögen und auch nicht als steuerliches Wunderland, sondern als eigenständiger Wirtschafts-, Immobilien- und Finanzraum außerhalb Europas. Wer dort rechtssicher Bankbeziehungen, Immobilien oder unternehmerische Strukturen aufbaut und gegebenenfalls auch seinen Lebensmittelpunkt verlagert, verteilt politische und wirtschaftliche Risiken auf mehr als ein Land.
Ausgerechnet die deutsche Entwicklungspolitik liefert dafür unfreiwillig ein passendes Argument. Die Bundesregierung investiert nicht ausschließlich innerhalb der eigenen Grenzen. Sie verteilt Kapital international, weil sie sich davon langfristige wirtschaftliche und strategische Vorteile verspricht.
Warum sollte ein privater Vermögensinhaber weniger diversifizieren als der Staat selbst?
Die 230 Millionen Euro für die Bahn in Surabaya sind deshalb nicht der Skandal. Auch die Milliarden für indonesische Energie- und Infrastrukturprojekte sind für sich genommen kein Beweis für verschwendetes Steuergeld. Bemerkenswert ist die Gesamtlage: Ein Staat mit enormen laufenden Einnahmen finanziert weltweit Zukunftsprojekte und benötigt gleichzeitig eine zusätzliche Kreditermächtigung von einer halben Billion Euro, um den Investitionsstau im eigenen Land zu beseitigen.
Wer sein Vermögen langfristig erhalten möchte, muss daraus keine politische Empörung ableiten. Eine wirtschaftliche Konsequenz reicht: Wenn Deutschland sein Kapital international verteilt, sollte man sich zumindest die Frage stellen, warum das eigene Vermögen vollständig in Deutschland bleiben soll.