Deutschland wird reich besteuert. Und lebt trotzdem auf Pump.

Das ist vielleicht die verstörendste Zahl im Bundeshaushalt: 2027 will der Bund fast 395 Milliarden Euro Steuern einnehmen – und trotzdem weitere 119 Milliarden Euro neue Kredite aufnehmen. Bis 2030 sollen die Bundesausgaben auf 635 Milliarden Euro steigen. Deutschland hat über Jahre immer mehr Geld eingenommen. Trotzdem wird der finanzielle Spielraum nicht größer, sondern kleiner. Wer Vermögen besitzt, sollte sich deshalb eine Frage stellen: Wer wird diese Rechnung am Ende bezahlen?


Der Staat nimmt so viel wie nie – und trotzdem reicht es nicht. Während Deutschland sichtbar auf Verschleiß fährt, wächst der Finanzierungsbedarf immer weiter.


Es gab einmal die Hoffnung, Deutschland müsse nur ein paar wirtschaftlich schwierige Jahre überstehen, dann werde wieder Normalität einkehren. Corona, Energiekrise, Rezession, Regierungswechsel – irgendwann, so die Erwartung, würde der Staat seine Ausgaben wieder stärker an seinen Einnahmen ausrichten und sich auf das konzentrieren, was er finanzieren kann.

Diese Hoffnung lässt sich inzwischen ziemlich nüchtern mit dem Finanzplan der Bundesregierung beerdigen.

Für 2026 sind bereits 524,5 Milliarden Euro Bundesausgaben und 98 Milliarden Euro Nettokreditaufnahme vorgesehen. Im Regierungsentwurf für 2027 steigen die Ausgaben auf 555,4 Milliarden Euro und die neuen Kredite auf 118,7 Milliarden. Und damit ist die Entwicklung keineswegs beendet: Für 2030 plant die Bundesregierung inzwischen mit 635,4 Milliarden Euro Bundesausgaben und 167,3 Milliarden Euro Nettokreditaufnahme im Kernhaushalt. Die Steuereinnahmen sollen gleichzeitig von 387,2 Milliarden Euro 2026 auf 437,3 Milliarden Euro 2030 steigen.

Das eigentlich Beunruhigende daran ist nicht eine einzelne Zahl. Es ist die Richtung.

Mehr Steuern lösen das Problem offenbar nicht. Mehr Schulden lösen es ebenfalls nicht. Und weniger Staat ist nicht geplant.

Der Regierungswechsel hat den Trend nicht gebrochen

Man konnte sich die Entwicklung der vergangenen Jahre lange mit außergewöhnlichen Umständen erklären. Pandemie, Energiekrise, Ukrainekrieg, schwache Konjunktur. Für beinahe jede zusätzliche Ausgabe gab und gibt es einen nachvollziehbaren Grund.

Inzwischen wird allerdings sichtbar, dass aus den Ausnahmen eine neue finanzpolitische Normalität geworden ist.

Der größte Ministeriumsetat bleibt 2027 das Bundesministerium für Arbeit und Soziales mit 201,5 Milliarden Euro. Gleichzeitig steigt der Verteidigungshaushalt innerhalb eines Jahres von 82,7 auf 109,7 Milliarden Euro. Hinzu kommen 30 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen Bundeswehr.

Deutschland muss mehr für seine Sicherheit ausgeben. Es muss seine marode Infrastruktur modernisieren. Die Bevölkerung altert, Renten, Gesundheit und Pflege werden teurer. Die Energienetze müssen umgebaut, die Bahn saniert, Schulen modernisiert und die Verwaltung irgendwann doch noch im digitalen Zeitalter ankommen.

  • Jede einzelne Position lässt sich erklären.

  • Nur wird ein Haushalt nicht dadurch finanzierbar, dass sich jede einzelne Ausgabe gut begründen lässt.

  • Irgendwann muss jemand die Summe bezahlen.

  • Und genau diese Summe wird größer.

Neben dem Kernhaushalt existiert das 500 Milliarden Euro schwere Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität. Für 2027 sind daraus 54,9 Milliarden Euro vorgesehen. Die Kreditaufnahme dieser Sondervermögen steckt nicht in den 118,7 Milliarden Euro Nettokreditaufnahme des Kernhaushalts.

Der Begriff „Sondervermögen“ klingt dabei beruhigender, als er finanzpolitisch ist. Es handelt sich um zusätzliche kreditfinanzierte Ausgaben. Straßen und Brücken mögen damit endlich saniert werden, das Geld dafür muss trotzdem aufgebracht und die Verschuldung bedient werden.

Die eigentlich bemerkenswerte Frage lautet deshalb nicht, ob Deutschland seine Infrastruktur modernisieren sollte. Natürlich sollte es das.

Sie lautet: Wie konnte ein Land mit einer der höchsten staatlichen Einnahmebasen Europas seine Infrastruktur so lange vernachlässigen, dass schließlich eine zusätzliche Kreditermächtigung von einer halben Billion Euro notwendig wurde, um sie wieder in Ordnung zu bringen?

Wenn es trotzdem nicht reicht, werden neue Einnahmen gesucht

Die Antwort der Politik besteht nicht ausschließlich aus neuen Schulden. Sie besteht auch darin, die Einnahmebasis zu verbreitern.

Und hier wird der Bundeshaushalt für den normalen Bürger plötzlich sehr konkret.

Die Bundesregierung hat im Rahmen ihrer Haushaltsplanung eine Plastikabgabe und eine Zuckerabgabe vereinbart. Steuervergünstigungen sollen zurückgeführt werden. Alkohol- und Tabaksteuer sollen angepasst, die Besteuerung von Kryptowährungen verändert und die Bekämpfung von Finanz- und Steuerkriminalität intensiviert werden.

Bei der Tabaksteuer ist die Planung bereits ausgesprochen konkret. Ab Januar 2027 sind vier jährliche Erhöhungsschritte bis 2030 vorgesehen. Das Finanzministerium bezeichnet die Erhöhung selbst als Bestandteil der Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung.

Natürlich kann man jede dieser Maßnahmen einzeln verteidigen. Eine Zuckerabgabe dient der Gesundheitsprävention, eine Plastikabgabe soll ökologische Anreize setzen, höhere Tabaksteuern können gesundheitspolitisch begründet werden und gegen Steuerhinterziehung vorzugehen ist ohnehin eine staatliche Selbstverständlichkeit.

Doch genau hier lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten.

Denn Deutschland hat längst ein System geschaffen, in dem der Bürger nicht einmal Steuern bezahlt und anschließend mit dem Rest seines Einkommens weitgehend in Ruhe gelassen wird. Der Staat partizipiert beim Verdienen, beim Konsumieren, beim Tanken und Heizen, beim Versichern, beim Erwerb einer Immobilie, beim Besitz von Grund und Boden, an Kapitalerträgen und gegebenenfalls bei der Weitergabe des Vermögens an die nächste Generation.

Hinzu kommen Sozialversicherungsbeiträge, Gebühren und immer neue Lenkungsabgaben.

Keine einzelne dieser Belastungen ruiniert einen wohlhabenden Haushalt. Genau deshalb funktioniert das System so geräuschlos. Ein paar Euro hier, einige Prozent dort, eine höhere Beitragsbemessungsgrenze, eine neue Abgabe, eine geänderte Bemessungsgrundlage. Der Bürger gewöhnt sich daran. Der Staat offenbar auch.

Das Deutschland-Prinzip

Damit schließt sich der Kreis zu einer Entwicklung, die weit über den Bundeshaushalt 2027 hinausgeht.

Deutschland hat nicht einfach ein vorübergehendes Haushaltsloch. Es besitzt einen strukturell wachsenden Finanzierungsbedarf. Die Bevölkerung wird älter, die sozialen Sicherungssysteme werden teurer, die Sicherheitslage erzwingt höhere Verteidigungsausgaben, die Infrastruktur benötigt enorme Investitionen und für zusätzliche Schulden müssen Zinsen bezahlt werden.

Gleichzeitig wächst die Wirtschaft nicht annähernd in dem Tempo, in dem sich viele dieser Verpflichtungen entwickeln.

Ein Staat kann ein solches Problem grundsätzlich auf vier Arten lösen: durch stärkeres Wirtschaftswachstum, niedrigere Ausgaben, zusätzliche Schulden oder höhere Einnahmen.

Die deutsche Finanzplanung zeigt ziemlich deutlich, dass man derzeit vor allem auf eine Kombination aus Wachstumshoffnung, zusätzlichen Krediten, Reformen und zusätzlichen Einnahmen setzt.

Und genau an dieser Stelle wird aus Haushaltspolitik eine Vermögensfrage.


Was heute noch wie eine radikale Idee klingt, kann morgen politische Mehrheit sein. Gerade wenn einfache Versprechen mehr Stimmen gewinnen als unbequeme wirtschaftliche Zusammenhänge.


Denn „zusätzliche Einnahmen“ sind kein abstrakter Posten in einer Excel-Tabelle des Finanzministeriums. Sie müssen irgendwo entstehen. Bei Arbeitnehmern, Verbrauchern und Unternehmen. Bei Einkommen, Konsum und Kapital. Und möglicherweise irgendwann wieder stärker bei Vermögen.

Dafür braucht es keine Verschwörungstheorie und auch keinen geheimen Plan zur Enteignung der Bevölkerung. Die offiziellen Zahlen sind unangenehm genug.

Der Staat plant steigende Steuereinnahmen. Er plant gleichzeitig stark steigende Ausgaben. Und obwohl er mehr Steuern einnimmt, plant er erheblich mehr Schulden.

Das ist keine nachhaltige Entwarnung für diejenigen, die diesen Staat langfristig finanzieren sollen.

Für Vermögende beginnt die Rechnung früher

Wer heute 25 oder 30 Jahre alt ist und hauptsächlich von seinem Arbeitseinkommen lebt, kann darauf hoffen, dass Deutschland seine strukturellen Probleme irgendwann löst.

Wer mit 50 oder 60 bereits ein substanzielles Vermögen aufgebaut hat, betrachtet dieselbe Entwicklung aus einer anderen Perspektive.

Sein Kapital muss nicht erst noch entstehen. Es ist bereits da.

Immobilien sind registriert. Bankvermögen ist transparent. Kapitalerträge werden erfasst. Unternehmensbeteiligungen sind bekannt. Gleichzeitig wird innerhalb der politischen Debatte bereits über Vermögensteuer, höhere Belastungen großer Vermögen und andere Instrumente gesprochen.

Das bedeutet nicht, dass morgen eine große Vermögensabgabe kommt.

Es bedeutet lediglich, dass ein Vermögensinhaber einen Fehler machen würde, wenn er die langfristige Finanzierungsfrage des deutschen Staates für sein eigenes Vermögen für irrelevant hielte.

Denn der deutsche Staat braucht in den kommenden Jahren nicht weniger Geld.

Er braucht sehr viel mehr.

Vermögen ist auch eine Standortentscheidung

Genau deshalb sollte Vermögensdiversifikation nicht erst beginnen, wenn die nächste Steuer beschlossen wird.

Unternehmer verteilen ihre Abhängigkeit auf verschiedene Kunden. Investoren kaufen nicht nur eine Aktie. Internationale Konzerne produzieren nicht ausschließlich in einem Land. Risikostreuung gehört zu den elementarsten Prinzipien wirtschaftlichen Handelns.

Nur beim privaten Vermögen wird dieses Prinzip erstaunlich häufig vergessen.

Immobilien in Deutschland. Unternehmen in Deutschland. Bankbeziehungen in Deutschland oder der Europäischen Union. Steuerlicher Wohnsitz in Deutschland. Zukünftiger Vermögensaufbau ebenfalls in Deutschland.

Das ist keine neutrale Position.

Es ist eine hundertprozentige Wette auf einen einzigen politischen, steuerlichen und wirtschaftlichen Standort.

Internationale Diversifikation bedeutet nicht, Geld zu verstecken oder steuerliche Verpflichtungen zu umgehen. Sie bedeutet, einen zweiten Wirtschafts- und Finanzstandort aufzubauen und zukünftiges Vermögen nicht zwangsläufig vollständig demselben System auszusetzen.

Die Vereinigten Arabischen Emirate sind dafür eine interessante Möglichkeit. Sie bieten einen eigenständigen Banken-, Immobilien-, Unternehmens- und Rechtsraum außerhalb der Europäischen Union. Wer seinen Lebensmittelpunkt tatsächlich international ausrichten möchte, kann dort nicht nur investieren, sondern auch wirtschaftliche Strukturen und zukünftiges Vermögen aufbauen.

Ein solcher Schritt ist allerdings keine spontane Steuerflucht. Bestehende deutsche Immobilien, Unternehmensbeteiligungen und andere Vermögenswerte verschwinden nicht durch einen Wohnsitzwechsel aus dem deutschen Steuerrecht. Gerade deshalb müssen Relocation und Vermögensstrukturierung rechtzeitig und professionell geplant werden.

Und genau darin liegt der entscheidende Punkt.

Man muss nicht wissen, welche Regierung Deutschland 2030 führt. Man muss auch nicht vorhersagen können, ob die nächste Belastung Zuckerabgabe, höhere Sozialbeiträge, Vermögensteuer oder etwas völlig anderes heißen wird.

Es reicht, die offiziellen Finanzpläne zu lesen.

Für 2030 plant der Bund 437,3 Milliarden Euro Steuereinnahmen, 635,4 Milliarden Euro Ausgaben und 167,3 Milliarden Euro neue Kredite allein im Kernhaushalt.

Das ist keine Prognose eines Crashpropheten. Es ist die Finanzplanung der Bundesregierung.

Deutschland wird deshalb nicht morgen pleitegehen. Darum geht es auch gar nicht. Die wesentlich interessantere Frage für Menschen mit Vermögen lautet, wie viel dieses Land seinen Bürgern in Zukunft noch abverlangen muss, damit diese Rechnung aufgeht.

Wer darauf keine Wette abschließen möchte, braucht keinen Untergang Deutschlands. Er braucht einen Plan B.

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